Ein Projekt zur Entwicklung von Gemeinden und Städten  Sie laufen durch Ihre Gemeinde , um frische Brötchen beim Bäcker zu holen. An der verschlossenen Tür der Bäckerei lesen Sie ein Schild: „Geschlossen wegen Geschäftsaufgabe“. Ein halbes Jahr später passiert Ihnen ähnliches beim örtlichen Einzelhandelsgeschäft. Und dann bei der Post, bei einem Gasthaus, bei der Gärtnerei... Vereine klagen über mangelnde Bereitschaft, ehrenamtliche Ämter zu übernehmen. Im Bereich Landwirtschaft ist gerade mal ein Bauernhof übrig geblieben. Die örtliche Schreinerei hat den Betrieb geschlossen und ihre Maschinen in den Osten verkauft. Die üblichen drei Theaterabende in der Winterzeit wurden aus Geldmangel gestrichen. Und heute abend erklärt Ihnen Ihr 16-jähriger Sohn mit grimmigem Blick: „Hoffentlich bin ich bald weg aus diesem Schlafdorf...“. Ein Horrorszenario für unsere Zukunft? Bereits Realität in vielen Gemeinden der Bundesrepublik? Eine Entwicklung, die bald die kleinen Städte erreicht? Wie das bei Ihnen aussieht, wissen Sie selbst am Besten. Sicher ist jedenfalls, dass Geschäfte und Gasthäuser, Handwerker und Handel, Vereine und Kultur, Nachbarschaftshilfe und Feste, Tourismus und Dienstleistungen nicht zum selbstverständlichen Besitzstand der Städte und Gemeinden gehören. Und klar ist auch, dass der Staat dies alles weder erhalten noch schaffen kann. Lebensqualität, sagen Sozialwissenschaftler, ist das Ergebnis einer „aktiven“ Gesellschaft. Menschen, die fähig sind, zusammen etwas zu gestalten, wirken als „soziales Kapital“. Gelebte Beziehungen, geteilter Sinn und bewusstes Investieren Die entscheidende Frage ist: Was verstehen wir Bürger unter Lebensqualität? Wem 80 Fernsehprogramme, der jährliche Ausflug zum Musical in die Großstadt, ein Kaufhaus im Internet und „geiler Geiz bei der Mutter aller Schnäppchen“ im Discounter auf einer einstmals grünen Wiese 15 km entfernt genügen, der kann sich beruhigt zurücklehnen. Wer meint, dass es im Leben noch etwas mehr geben müsse, dem bleibt nur eins: Umdenken und etwas tun, also Bewusstseinswandel schaffen und Maßnahmen starten. Dann stellt sich eine zweite Frage: Wie entsteht denn eigentlich Lebensqualität? Mit immer mehr Billigangeboten und gleichzeitigen staatlichen Subventionen, mit Viel-Haben und Mobil-Sein? Das schafft allenfalls Lebensstandard. Lebensqualität erwächst dagegen aus einer guten Mischung von gelebten Beziehungen, geteiltem Sinn und bewusstem Investieren. Und ein guter Teil dieses Dreiklangs wächst und gedeiht in der Nähe oder gar nicht. In Österreich entstand daraus das Projekt „Lebensqualität durch Nähe“. In mehr als hundertfünfzig Gemeinden in allen Regionen unseres Nachbarlandes wurde es inzwischen durchgeführt. Erfolge bei der Erhaltung von Geschäften und Arbeitsplätzen, bei der Revitalisierung ländlicher Dörfer und kleiner Städte sind offenkundig. (Internetnutzer können sich z.B. unter www.steinbachsteyr.at exemplarisch informieren.) Im südwestdeutschen Raum hat nun das Referat „Kirche und Ländlicher Raum“ der Erzdiözese Freiburg das Projekt aufgegriffen. Eine Studiengruppe aus erfahrenen Moderatoren und Organisationsberatern entwickelt Konzepte zur Umsetzung. Erste Aktivitäten in einigen Gemeinden sind gestartet. Das Ministerium Ländlicher Raum in Stuttgart unterstützt das Vorhaben. Die regionalen Kreisläufe von Erzeugung, Verarbeitung und Dienstleistung stärken. Was geschieht dabei konkret? Am Anfang steht ein Beschluss des Gemeinderates, das Projekt durchzuführen. Es braucht einen Projektleiter als Vertreter des Bürgermeisters. Ein Vorbereitungskreis aus der Gemeinde sorgt für den Startschuss in der Gemeinde. Dann wird ein Kernteam aus „Trägern der Lebensqualität“ (Vereine, Verbände, Institutionen, Gruppen, Personen...) gebildet. Es erfolgt eine Schwerpunktbildung, die in jeder Gemeinde naturgemäß anders aussieht: Kultur oder Soziales, Gewerbe, Landwirtschaft oder Tourismus... Daraus entstehen gemeinsame Ideen und konkrete Maßnahmen, die in Projektgruppen praktisch umgesetzt werden – zum Beispiel: Aufbau von Nachbarschaftshilfen, ein regionaler Bauernmarkt, ein als Genossenschaft betriebener Tante-Emma-Laden, eine Initiativgruppe für kulturelle Angebote, ein Begegnungsfest von „Alt- und Neubürgern“, eine Austauschbörse junger Senioren oder etwas ganz anderes. Parallel dazu wird ein Prozess der Bewusstseinsbildung gestartet. Dazu gibt es konkrete Arbeitshilfen und Materialien. Ein öffentlicher Dialog über unsere Lebensgewohnheiten wird initiiert: Wo kaufe ich ein? Wo investiere ich? Wofür engagiere ich mich? Was ist uns gemeinsam wichtig? Ziel wird sein, die regionalen Kreisläufe von Erzeugung, Verarbeitung und Dienstleistung zu verstärken. Das ist im übrigen kein Regionalchauvinismus und auch kein Anti-Globalisierungs-Programm. Es lässt genügend Raum für einen Wein aus Südafrika oder Shopping in der Großstadt. Es geht um die schlichte Erkenntnis, dass Wohlstand, und erst recht Lebensqualität von Menschen und Investitionen abhängen, die vor Ort wirksam werden. Und je älter eine Bevölkerung im Durchschnitt ist, desto spürbarer werden diese Gesetzmäßigkeiten. 
Das Projekt Lebensqualität durch Nähe ist kein Wunderheilmittel für die Erosionsprozesse im ländlichen Raum. Es ist eine Stärkung aktiver Bürgerinnen und Bürger und jener, die aktiv werden wollen. Es bietet Methoden und Mittel zur Umsetzung konkreter Maßnahmen. Es thematisiert die entscheidenden Fragen im Blick auf unseren alltäglichen Lebensstil und schafft öffentliche Diskurse darüber. Es unterstützt Projektgruppen durch professionelle Moderation. Alles in allem heißt das Motto: Während die einen ihren Niedergang verwalten, gestalten die anderen ihre Zukunft. Meinrad Bumiller / März 2004
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